Kultur des Betruges - Journalismus

Das NDR Medien-Magazin Zapp berichtet am 29.06.2011:

„Stuttgart 21, die Bahn und die Demonstranten. Seit fast einem Jahr beschäftigen sich die Medien intensiv mit dem Streit um diesen Bahnhof. Welcher Seite dabei bundesweit die Sympathien zufliegen, liegt aber immer auch an der jeweiligen Berichterstattung. Anfangs hatte die Bahn die Deutungshoheit. Dann waren es die Demonstranten. Und nun, nach der von Heiner Geißler verordneten Ruhepause, ist wieder die Bahn obenauf, weil die Journalisten eben auch begeistert auf jeden Zug aufspringen. Zapp über die Medien und den Stresstest.

Von Ruhe keine Spur. In Stuttgart trommeln die Bürger wieder gegen den geplanten Neubau des Bahnhofs und wettern gegen die Deutsche Bahn. Denn am Montag titeln große Tageszeitungen: “Stuttgart 21 besteht den Stresstest” (“Die Welt”, 27.6.2011). Dabei steht das Testergebnis noch aus. Und so lange ist unklar, ob der alte Kopfbahnhof abgerissen wird. Doch die Medien verkünden schon jetzt: “Stuttgart 21 besteht”. Und sie zitieren aus dem “Umfeld der Bahn” (“Süddeutsche Zeitung”, 27.6.2011).

Der Stern-Autor Arno Luik meint: “Das ist keine Relativierung mehr. Da wird eine Behauptung der Bahn als Faktum transportiert. Da steht nicht einmal mehr, was handwerklich korrekt wäre, “Bahn: S 21 besteht den Stresstest”. Im Klartext: Man übernimmt die Position der Bahn schon in der Überschrift.”

Die Bahn will den milliardenschweren Tiefbahnhof unbedingt bauen. Seit Monaten wird über das riesige Projekt gestritten. Heiner Geißler schlichtet und fordert: “Ich empfehle der Bahn, aus diesen und anderen berechtigten Kritikpunkten Konsequenzen zu ziehen (…) Die Deutsch Bahn AG verpflichtet sich, einen Stresstest für den geplanten Bahnknoten Stuttgart 21 anhand einer Simulation durchzuführen.” (30.11.2010).

PR durch gezielte Streuung von Informationen?

Die Simulation, der Stresstest, soll zeigen, ob der neue Bahnhof besser funktioniert als der alte. Die Ergebnisse wollte Geißler in zwei Wochen vorstellen. Doch die Bahn greift vor, macht schon jetzt PR. Öffentlich behauptet sie, Ergebnisse nicht gestreut zu haben (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.6.2011). Doch nach Zapp Recherchen kommen die Infos direkt aus der Chefetage, von Bahn-Vorstand Volker Kefer. Am Donnerstag lädt er ausgewählte Journalisten in die Berliner Bahn-Zentrale ein und verkauft ihnen den Stresstest als erfolgreich bestanden.

Der Stern-Autor Arno Luik hat sich ausführlich mit der Bahn befasst. Im Stern berichtete er als einer der ersten kritisch über Stuttgart 21. Luik erklärt: “Die Bahn beherrscht die Klaviatur des Medienspiels inzwischen ziemlich perfekt. Die Bahn hat zum einen viele ehemalige Journalisten in ihrer Presseabteilung, die wissen, wie man Nachrichten schreibt. Die Bahn weiß, wann man etwas an die Öffentlichkeit geben muss. […] Das ist sorgfältig konzipiert, sorgfältig ausgedacht und es funktioniert.”

Die Medien als Sprachrohr

Es gibt eine weitere Quelle. Am Wochenende berichten Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung über Stuttgart 21: “Nach den bisher durchgesickerten Informationen wird der Stresstest wohl nicht scheitern” und “Es wird wohl so aussehen, dass die Bahn den Test irgendwie schafft”. Der Informant ist dieses Mal ein Gegner von Stuttgart 21: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Doch der Politiker dementiert: “Es wäre nicht besonders klug von mir zu sagen: 'Der Stresstest ist bestanden.' Und so bin ich zitiert worden. Also, ich habe gar kein Interesse, selbst wenn ich das wüsste, das jetzt so zu kommunizieren. Was ich gesagt habe, ist, dass ich höre und sehe, dass die Bahn Journalisten mit Informationen in Hintergrundgesprächen füttert und auch sonst durchsickern lässt: 'Wir haben es geschafft!'”

Falsch zitiert oder einfach falsch kommuniziert? Die Opposition wirft Hermann vor, er habe gelogen und fordert seinen Rücktritt.

Arno Luik: “Es geht um Glaubwürdigkeit, es geht um vielleicht auch um seine Existenz als Verkehrsminister. Es ist ein knochenharter Kampf, der da im Augenblick geführt wird, auf allen Ebenen. Und es geht auch sicherlich darum: Ich glaube, dass manche eine große Freude daran haben, dass Winfried Hermann in seiner Autorität beschädigt wird.”

Denn das Projekt ist hochpolitisch: CDU und FDP haben für Donnerstag eine Aktuelle Stunde im Bundestag anberaumt. Der Titel klingt wie ein Slogan der Bahn: “Ergebnis des Stresstests respektieren – keine Blockadepolitik”.

Arno Luik: “Die Bahn und politisch Interessierte, politische Kreise, also primär SPD, CDU und auch FDP sagen immer rituell: S21 ist ein Projekt der Zukunft, der Moderne, Geschwindigkeitszuwachs, und verkaufen das so mit Schlagworten. Und da finde ich schon, dass es Aufgabe des Journalisten ist, diese Schlagworte zu hinterfragen.”
Doch viele Journalisten haben dieses Mal offenbar nicht hinterfragt. Schlucken nach Monaten lauter Proteste was die Bahn ihnen serviert. Halbgares wird zum Fakt. Die PR-Strategie der Bahn ist erfolgreich und die Journalisten sind dabei behilflich.“

Quelle und Original

Den kompletten Beitrag des NDR sehen Sie hier: