Der Brandstifter und die Biedermänner – NachDenkSeiten

Mit Bezug auf einen Artikel der NachDenkSeiten zu den norwegischen Terroranschlägen hier zunächst ein Verweis auf Wikipedia:

„Biedermann und die Brandstifter ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Es handelt von einem Bürger namens Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus aufnimmt, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden. Der Untertitel lautet “Ein Lehrstück ohne Lehre”….

Das Stück Biedermann und die Brandstifter ist eine Mischung aus komischen und makabren Elementen mit düsterem Thema und Ende (eine Burleske). Allerdings ist es kein tragisches Stück, denn der Protagonist Biedermann geht nicht bewusst und zwingend um eines erhabenen Wertes willen in eine Katastrophe, sondern er erleidet aus Feigheit, Dummheit und Verblendung ein vermeidbares „Schicksal“. Es ist die dichterische Gestaltung eines prototypischen Geschehens mit Personen in ihren unverkennbaren, typischen Rollen. Die Dialoge enthalten eine große Spannung, die vor allem in der Diskrepanz besteht zwischen dem, was man eigentlich erwarten sollte, und dem, was tatsächlich gesagt wird….

„Der die Verwandlungen scheut/ Mehr als das Unheil,/ Was kann er tun/ Wider das Unheil?“, fragt der Chor an einer Stelle rhetorisch. Damit wird deutlich, dass Biedermann, anders als es das Mysterienspiel im Stil von Hofmannsthals Jedermann lehrt, zu einer Umkehr nicht in der Lage ist….

Man kann die Moral dieses Lehrstücks ohne Lehre auf die jüngste Vergangenheit anlegen. […] Oder man kann (und soll wohl) an die Brandstifter denken, die mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokeln. Wir dulden es. Wir sehen es mit an und finden viele Gründe, es zu tun. Aber die Lunte ist gelegt. Wehe! Oder man kann an die demokratische Duldsamkeit denken, mit der extreme Brandstifter biedermännisch von uns ausgehalten werden, ganz rechts und ganz links. […] Aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit schieben wir die Regungen einer besseren Einsicht einfach weg: Ist ja alles nicht so schlimm…“

So weit Wikipedia

Ich komme somit zum Artikel der NachDenkSeiten:

Der Brandstifter und die Biedermänner

Es sind vielleicht die beiden Personen Broder und Sarrazin die den Begriff „Gutmensch“ benutzen, es ist aber sicherlich damit nicht automatisch diese „neue Rechte“, die mit dem artikuliertem Hass in den „stark frequentierten rechtspopulistischen Blogs“ in irgendwelchen Köpfen zu Gewaltausbrüchen führt.

Nein – es ist kein tragisches Stück – sondern einfach der durchaus aufgeklärte Mensch, der aus Feigheit, Dummheit und Verblendung ein vermeidbares „Schicksal“ erleidet, es sind die aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit weg geschobenen Regungen einer besseren Einsicht, rechts und links, die uns heute demokratisch dulden lassen – und die eben auch in Einzelfällen jetzt schon explodieren.

Man kann es drehen und wenden wie man will, in jeder Schule, in vielen Wohnbezirken, in jeder Ausbildungsstätte sind die Thesen Tilo Sarazzins Realität, das zeigt auch der Abverkauf seines Buches – „Schade wäre es für eine lebendige Debatte über Zuwanderung, deren Probleme und Chancen, wenn Sarrazin vom Schreiben und öffentlichen Sprechen ließe. Er sollte das allerdings künftig tun, ohne Menschen pauschal als hoffnungslose Fälle herabzuwürdigen. Er müsste auch endlich einmal zugestehen, dass bei allen Integrations-Fehlern sehr viele Zuwanderer sehr tüchtig, sehr eingliederungswillig und -fähig waren und sind.“

Und das sollte sicherlich auch nur geschehen, ohne auf die unsäglichen Rassentheorien Bezug zu nehmen.

Die Auswirkungen der von Thilo Sarazzin thematisierten Realität stellen sich für die Mehrheit der Bevölkerung somit wie folgt dar:

Boston Consulting : “Jährlich werden in diesem Land etwa 80.000 junge Menschen in die absehbare Perspektivlosigkeit entlassen – mit Folgen für die gesamte Volkswirtschaft.”

„Die Beratungsgesellschaft schlägt deshalb vor, etwa elf Milliarden Euro im Jahr mehr auszugeben, um die nachfolgenden Generationen besser zu qualifizieren. Nötig seien zum Beispiel kostenlose Krippenplätze, mehr verpflichtende Sprachkurse für Neuankömmlinge, mehr Ganztagsschulen und zusätzliche Lehrer und Betreuer an den Schulen. Dies koste zwar zunächst viel Geld. Langfristig würde der Staat aber erheblich Geld sparen, weil er weniger für Sozialleistungen ausgeben müsse und höhere Steuereinnahmen erziele.“

Genau dies ist die große politische Spannung, die vor allem in der Diskrepanz besteht zwischen dem, was man eigentlich aus solchen Analysen erwarten sollte, und dem, was tatsächlich von der Politik gesagt und getan wird. Genau dies betrifft nun all die Menschen, die aus Feigheit, Dummheit und Verblendung ein vermeidbares „Schicksal“ erleiden, die aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit ihre empfundenen Regungen einer besseren Einsicht zum Trotz nicht mehr äußern, rechts und links, die demokratisch dulden, und eine politische Veränderung nicht einfordern. Und genau aus diesem „Gebräu“ enttäuschter Erwartungen muss und wird sich der Sprengstoff entwickeln, der Einzelne zum „Ausrasten“ führt – ebenfalls sowohl rechts als auch links.

Nicht mehr das analysierte Problem steht zur Diskussion, sondern der nach politischem Kalkül ausgemachte „Brandstifter“ rückt ins Zentrum der Beobachtung und verhindert die Diskussion über das Problem – oft gewollt. Denn für jeglichen Betrug in unserem „Wirtschaftssystem“ gibt es Geld, nicht jedoch für die Aus- und Weiterbildung unserer Kinder.

Es ist also sicherlich nicht nur eine „neue Rechte“, die die linken NachDenkSeiten als Brandstifter einseitig ausmachen, sondern es ist eine kalte, emotionslose, sensationslüsterne Gesellschaft mit Kurzzeitgedächtnis, die die Verwandlungen scheut/ mehr als das Unheil. Was kann sie tun/ wider das Unheil?

Die Antwort ist wohl zu diesem Thema leider nur – Biedermänner und Brandstifter benennen – rechts oder links! Somit nur noch ein weiteres Lehrstück ohne Lehre aufzuführen.

Das ist eindeutig schade für die sonst nicht einseitig kritischen und differenzierten NachDenkSeiten und nur noch einmal mehr eine Bestätigung für eine Regierungspolitik, die inzwischen keinerlei Opposition mehr zu fürchten hat – diese beschäftigt sich heute wunschgemäß mit den vorgegebenen Feindbildern – Schade!

Denn unbeachtet der Diskussion über Rassentheorien hat der unbequeme Sarazzin noch als Bundesbankvorstand auch das folgende gesagt:

„Der Weg der europäischen Währungsunion ist von einer Kette von Rechtsbrüchen begleitet, über die sich keiner so richtig aufzuregen scheint. Der erste Rechtsbruch war die Aufnahme Griechenlands. Das hätte aufgrund der Stabilitätskriterien nicht passieren dürfen. Der nächste Rechtsbruch war die Aushöhlung der Stabilitätskriterien aus deutscher und französischer Initiative im Jahr 2003. Letztlich haben wir uns schon alle daran gewöhnt, dass die Bestimmungen der Währungsunion nur mit einem Augenzwinkern anzuwenden sind.“

Man sollte sich somit ernsthaft noch einmal die Frage stellen, warum Thilo Sarazzin so unbequem wurde, wo die Brandstifter wirklich sitzen, und wer mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokelt!

Dies soll aber ebenso nicht ein Beitrag für eine Position Sarazzins oder Broders sein, sondern einen Appell an eine Verantwortung für unser Demokratieverständnis darstellen. Erst wenn es uns gelingt, eine Kontroverse zu den scheinbar unzuvereinbarenden Positionen unserer Gesellschaft zu führen, werden wir in der Lage sein, ein Lehrstück mit Lehre aufzuführen. Damit sollte es dann unsere heutige Regierung auch nicht mehr geben, weil sie dieser Verantwortung eben nicht mehr gerecht wird.

Nachtrag 27.07.2011 – Reflexe

Es gab solch außergewöhnliche Reaktion auf die unsägliche Katastrophe in Norwegen:

Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg:

We must never cease to stand up for our values. We have to show that our open society can pass this test, too, and that the answer to violence is even more democracy, even more humanity, but never naïveté.

Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg

Es gibt inzwischen die folgende Zusammenfassung:

„Nach Erkenntnissen des norwegischen Geheimdienstes ist Breivik ein Einzeltäter, der mit Berechnung getötet hat. Dem britischen Sender BBC sagte die Direktorin des norwegischen Geheimdienstes PST, Janne Kristiansen, am Mittwoch: “Breivik hat allein gehandelt.” Sie wies die Vermutung von Breiviks Anwalt Geir Lippestad zurück, der Attentäter sei geisteskrank. “Ich begreife ihn als zurechnungsfähige Person, denn er hat sich für eine sehr lange Zeit auf eine Sache konzentrieren können.” Breivik habe “alles so richtig gemacht. Und nach meiner Erfahrung mit dieser Art Klienten sind sie völlig normal, auch wenn sie im Kopf ziemlich verquer sind. Und diese Person ist außerdem total böse.”

Breiviks Anwalt Geir Lippestad hatte am Dienstag erklärt, er halte seinen Mandanten für geisteskrank. Der Attentäter soll demnächst im Ila-Gefängnis westlich von Oslo von zwei Rechtspsychiatern untersucht werden. Dort wird der Attentäter in einer sieben Quadratmeter großen Zelle rund um die Uhr überwacht, um einen Suizid auszuschließen.

Mehrere norwegische Zeitungen zitierten PST-Direktorin Kristiansen zudem mit der Äußerung: “Dies ist ein einsamer Wolf, der durch alle unsere Radarsysteme schlüpfen konnte.” Für Breiviks vor der Polizei und dem Haftrichter erhobene Behauptung, gewaltbereite Komplizen in Norwegen und im Ausland zu haben, fehlt weiter jeder Beweis. Janne Kristiansen bestätigte, dass man dies weiter “mit höchster Intensität” überprüfe. Es gebe aber keine entsprechenden Indizien. Die Behauptungen entstammten wahrscheinlich Breiviks Wunsch, “weiter im Zentrum der Aufmerksamkeit zu bleiben”.“

FAZ - Anschläge Norwegen

Die NachDenkSeiten

Es gibt den Artikel der NachDenkSeiten „Der Brandstifter und die Biedermänner“, den ich oben kommentiert habe – und Folgebeiträge auf den NachDenkSeiten, die die reflexartigen Reaktionen von links gegen rechts in den ersten Tagen nach den beiden Anschlägen dokumentieren – die nun wohl aber nicht den Fakten entsprechen?

Und es gibt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) der heute zitiert wird:
„Nach dem Doppelanschlag in Norwegen hat Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vor gewaltbereiten Rechtsextremen in Deutschland gewarnt.“

Tagesspiegel - Hans-Peter Friedrich

Insofern müssten sich die kritischen NachDenkSeiten in diesem Fall wohl bei Hans-Peter Friedrich und der CSU zu Hause fühlen.

Zum gleichen Thema:

Das Massaker in Norwegen und die Schuld der Rechtspopulisten