Wirklichkeitsleere Welt Politik

Hellmuth Karasek hat am 25.12.2011 in Welt-Online festgestellt:

„Ach, die Weihnachts- und Neujahrsansprachen! Der Präsident redet zu Weihnachten, der Kanzler zu Silvester. Einmal wurde eine von Helmut Kohl aus Versehen im nächsten Jahr noch einmal wiederholt. Keiner hat es gemerkt. Sie wirkte taufrisch und ehrlich wie am ersten Tag. Mein Vorschlag zur Güte wäre: Weihnachtsansprachen werden wiederholt wie das „Dinner for One“ zu Silvester, Jahr für Jahr. Dann kann Wulff auch beruhigt Präsident bleiben, ohne dass wir beim Anhören seiner Rede physisch darunter leiden. Wir können ja einfach abschalten.”

Die Nummer Wulff

Dieses Thema möchte ich hier noch einmal vertiefen – Warum also ist es völlig bedeutungslos geworden, welcher Bundespräsident oder welche Bundeskanzlerin uns zu Weihnachten oder Neujahr noch eine Rede hält.

Entscheidend sind wohl fehlende Wahrhaftigkeit und Inhalte, die dabei aus der Politik vermittelt werden – und einen wunderschönen Beitrag dazu findet man auf dem Chaos Communication Congress.

Seit 1984 veranstaltet der Chaos Computer Club jährlich zwischen Weihnachten und Neujahr den Chaos Communication Congress. Auch als “Europäische Hacker Konferenz” bezeichnet, finden auf dem viertägigen Congress eine Vielzahl an Vorträgen rund um die Themen Informationstechnologie, Computersicherheit, Internet, Kryptographie, Wissenschaft, der Umgang mit der Technologie in der Gesellschaft und deren Auswirkung auf den Alltag statt.

Die Forschungsgemeinschaft elektronische Medien e.V. ermöglicht allen, die nicht nach Berlin fahren können, das Event zur verfolgen.

Hier nun zum Thema politische Sprache und Inhalte:
Prof. Dr. Martin Haase
Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft

Sprachlicher Nebel in der Politik – Martin Hase

Wenn wir unsere Politiker nun schon nicht verstehen sollen, um nicht die Inhalte zu verstehen, wir also immer wieder bewusst getäuscht oder belogen werden, sollte man sich einmal den Gründen für diesen Betrug widmen – und das hat Jürgen Leinemann in einem Buch betrieben.

Jürgen Leinemann ist ein deutscher Journalist und politischer Korrespondent. Sein Buch Höhenrausch thematisiert den Realitätsverlust von Politikern und Journalisten.

Auszüge aus Jürgen Leinemann's “Höhenrausch”
Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker

Hans Magnus Enzensberger hat es drastisch zugespitzt:
Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuß des Todes.

Schon Max Weber hatte 1919 in seiner berühmten Rede über “Politik als Beruf” davor gewarnt, daß das Machtstreben des Politikers “Gegenstand rein persönlicher Selbstberauschung” werden könnte.

Gerd Langguth, einst CDU-Vorstandsmitglied, Bundestagsabgeordneter und RCDS-Vorsitzender, jetzt Professor für Politische Wissenschaft in Bonn, spricht gar von “Politoholics”, um die Persönlichkeitsveränderungen zu charakterisieren, die die “Droge Macht” auslöst.

Die “Droge Politik”, hat Bundespräsident Johannes Rau gewarnt, verursache eine “Sehstörung”, die er als Hauptgefahr im Leben von Berufspolitikern betrachte. Politiker neigten dazu, sagte Rau, sich so sehr an ihrer eigenen Bedeutung zu berauschen, in dem Gefühl zu schwelgen, die Welt verändern zu können, daß sie bald nicht mehr wahrnähmen, daß für andere Menschen Politik keineswegs das ganze Leben ist. Wenn der Politiker das zu übersehen beginnt, dann politisiert er die Welt. Und weil die Realität anders ist, verschätzt er sich in der Welt.

Etwas Zweideutiges und Heimtückisches, ja Todbringendes hat der tschechische Präsident Václav Havel in der Versuchung der Macht entdeckt, nachdem er selbst in politische Führungspositionen aufgerückt war:
Unter einem Schleier existenzieller Selbstbestätigung wird die Existenz ihrer selbst enteignet, von sich selbst entfremdet, gelähmt.

Willy Brandt, der während seiner jungen Jahre in Oslo lange Gespräche mit dem politisch engagierten Psychoanalytiker Wilhelm Reich geführt hatte, wunderte sich später häufig, daß die seelischen Probleme und die neurotischen Störungen von Politikern in der öffentlichen Diskussion in Deutschland so wenig erörtert wurden. Man frage viel zu wenig, “wie es zu bestimmten Fehlentscheidungen oder zu bestimmtem Fehlverhalten kommt. Man nimmt sie einfach so hin, als Faktum”, sagte Brandt 1989 in einem Interview. Das sei ein Fehler. Es werde so getan, als ergebe sich alles aus politischen Erwägungen, aus parteipolitischen Interessen oder aus sachlichen Notwendigkeiten.

Brandt: Daß die Beweggründe eines Politikers sich häufig aus dessen Struktur mehr ergeben als aus den eingespielten politischen Regeln, das, finde ich, wird viel zu wenig beachtet.

“Entscheidend kommt es am Ende immer wieder auf die Person in der Politik an”, hat der politische Praktiker Richard von Weizsäcker bekräftigt. “Sie kann Fehlentwicklungen korrigieren. Zweifellos kann sie aber auch Gefahren heraufbeschwören.”

Der deutsche Volkswirtschaftler Werner Sombart sprach vor dem Ersten Weltkrieg geradezu mit Ekel von der “unseligen Spezies der Berufspolitiker” als von einer Art unehrlichen Gewerbetreibenden – “geistig öde, ethisch verlogen, ästhetisch roh”.

Thomas Mann hieß 1918 in den Betrachtungen eines Unpolitischen den Politiker “ein niedriges und korruptes Wesen”, das in geistiger Sphäre eine Rolle zu spielen keineswegs geschaffen sei.

Politik als Beruf, das hieß und heißt in Deutschland praktisch, daß die meisten Akteure in keinen anderen Beruf wechseln können, weil sie nichts anderes gelernt haben als jenen Teil von Politik, den die Amerikaner politics nennen, was – im Gegensatz zu policy – nur die Tricks und Fertigkeiten des parteipolitischen Ränkespiels meint, nicht Inhalte, Programme oder gar Visionen. “Das sind doch fast alles Traumtänzer”, spottet der greise Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis über die gestern und heute Regierenden:
Der Wirklichkeitsverlust unserer führenden Politiker, und das begann bei Kohl, ist tief beängstigend.

Die von Max Weber erwartete “geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein”, von der die Alten gezeichnet blieben, verdünnte sich bei ihren Nachfolgern zum scheelen Seitenblick auf den Konkurrenten beim Gerangel um öffentliche Erfolge.

..Das machte sie “beinhart”, wie Gerhard Schröder bekannte, und zynisch. Jeder kämpft gegen jeden. Die Zweckbündnisse der Politik zerbrachen bei veränderter Lage. Im glücklichsten Fall blieben den politischen Stars ein paar private Freundschaften. “Jeder, der Erfolg hat – und das heißt auch, sich durchsetzen –, wird Gegner hinterlassen, Enttäuschungen produzieren, auch Wut. Dann heißt es, er geht über Leichen”, rechtfertigte sich Joschka Fischer.

Völlig entindividualisiert, geistert er als glorreiche Schablonen-Figur durch die öffentliche Landschaft, die mit einem normalen Lebewesen nicht mehr vergleichbar scheint. “In der Politik gibst du die Souveränität über dich auf”, hatte Gregor Gysi schon geahnt, bevor er in Berlin Senator wurde, “du verfügst nicht mehr über dich: nicht über dein öffentliches Bild, nicht über dein Image, nicht über deine Zeit.”

“Die gesamte Gesellschaft nimmt teil an den Verletzungen”, sagt Angela Merkel, “man ist sozusagen auf dem öffentlichen Markt.”

Alle wollen sie bemerkt und gemocht und am Ende natürlich gewählt werden. Das Fernsehen habe die Politik nicht nur deshalb so tiefgreifend verändert, glaubt Altkanzler Helmut Schmidt, weil es die Politiker zur Oberflächlichkeit verführt:
Es macht sie auch sympathiesüchtig. Die Versuchung zum Opportunismus, ohnehin immer eine Gefahr für die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, werde übermächtig. Schmidt:
In der Demokratie werden Sie nämlich nur gewählt, wenn Sie sich ausreichend angenehm machen.

Das heißt: Der Politiker sagt Dinge, von denen er glaubt, daß seine Zuhörer sie denken. Vor allem sagt er nicht, was sie nicht hören wollen. In diesem Zusammenspiel zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern wird die Suchtgefahr am deutlichsten – die Wähler werden zu Co-Abhängigen, wie es in der Therapiesprache heißt, zu Komplizen der von sich selbst und ihren Privilegien Berauschten, die ihnen zum Dank dafür die Welt schönreden.

“Politikverdrossenheit und ihre permanente Beschwörung halte ich in den meisten Fällen für eine unernste Luxushaltung des verbrämten 'Ohne mich', einen billigen Freibrief zum Meckern”, schrieb der Philosoph und Theologe Richard Schröder, der 1990 SPD-Fraktionsvorsitzender in der frei gewählten Volkskammer war.

Im Normalfall aber rühren Politiker nicht an Themen, die den Leuten Einsichten oder Einbußen abverlangen. Immer häufiger entwickelt sich so eine wechselseitige Manipulation, mit der sich Politiker und Wähler in ihrer Gemütsruhe bestätigen. Das macht die Bürger immer verdrossener, die Politiker immer unfreier.

Eppler: Die wachsende Übermacht der Medien über die Politik, des Verkaufens über das Erarbeiten, des Scheinens über das Sein, der Inszenierung über die Aktion machen Deformation immer wahrscheinlicher, Reifung immer erstaunlicher.

Helmut Kohl war ein Macht-Haber. Je länger er amtierte, desto unverhohlener führte er sich auf, als sei er der Eigentümer des Staates und seiner Privilegien. Er kaufte Einfluß, vergab demokratische Ämter wie Pfründen, strafte und belohnte nach Gutsherrenart. Geld war für ihn mehr ein Herrschafts- als ein Zahlungsmittel. Illegale Spendenkonten und “schwarze Kassen” hielt er für notwendige Waffenlager im Kampf gegen politische Gegner, die er als Feinde verteufelte. Wie die Welt zu sehen sei, bestimmte er. Er inszenierte sie als Kampfstätte: “wir” gegen “die”. So entstand das inzwischen legendäre System Kohl – ein System von Abhängigkeiten, in dem Machtbesitzstände in jeder Form zu Drogen wurden.

Die Altparteien. Tatsächlich stand Helmut Kohl keineswegs allein da mit seiner Feindseligkeit gegenüber den Neulingen. Abgeordnete aller Parteien, die Demokratie so gern mit der Verteidigung des Status quo verwechselten – die überwältigende Mehrheit also – waren in angstvoller Defensive. Der Unrat, den feine Herrschaften aus CDU und CSU, FDP und SPD in privater Runde über die “Zottelhaarigen”, und speziell jene weiblichen Geschlechts, ausleerten, verlieh der Dokumentation demokratischer Unreife einen Zug ins Widerliche.

Peter Glotz: Unser Versuch, unverletzlich zu erscheinen und uns an die Gebärden unserer Wähler anzupassen, verwandelt uns in einen Maskenzug.

Kurt Biedenkopf, der von der Hochschule und aus der Wirtschaft in die Politik gewechselt war, machte sich über das Niveau seiner neuen Umgebung nie Illusionen:
Systeme, in denen die einzige formale Qualifikation auch für höchste Ämter darin besteht, mehrheitsfähig zu sein, haben eine eingebaute Tendenz zur Mittelmäßigkeit.

“Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt”, hatte der Grüne Joschka Fischer öffentlich verkündet, nachdem er ins Parlament eingezogen war. Knapp fünf Jahre später, im November 1988, konfrontierte das ARD-Magazin “Panorama” die Öffentlichkeit mit einem sorgfältig dokumentierten Film über die “Suchtgefahr bei Abgeordneten und Ministern”. Darin schätzte der Berliner Medizinprofessor und Gerichtsgutachter Detlef Cabanis, daß bis zu 20 Prozent der Spitzenpolitiker und 10 Prozent der “Politiker im mittleren Bereich richtig oder akut durch Alkohol gefährdet” seien.

Der (inzwischen verstorbene) Chefarzt der Oberbergkliniken für Suchtkranke, Matthias Gottschaldt, der viele Politiker unter seinen Patienten hatte, erläuterte:
Karrieretypen sind meist intelligent, kopfgesteuert und haben Schwierigkeiten, über ihre Probleme zu sprechen. Sie setzen sich selbst unter hohen Leistungsdruck. Sie sind einsam und maßlos. Maßlos im Arbeitspensum, im Alkoholkonsum und in Partnerschaften. Den meisten fehlt das Gefühl, gebraucht zu werden.

Als Physiognomie des zynischen Zeitgeistes hat Peter Sloterdijk diesen schiefen Mund der Herrschenden beschrieben: Die eine Hälfte versucht zu lächeln, die andere weiß, “daß es im Grunde nichts zu lachen gibt”.

Quelle der Auszüge

Höhenrausch

JÜRGEN LEINEMANN

Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker
ISBN: 978-3-453-62009-4

Leseprobe und Bestellung

Was kann man nun dagegen tun? Nehmen Sie sich für 2012 ein paar gute Vorsätze mit auf Ihren Weg – Anregungen bekommen Sie hier:

Alexander Müller, Bärwulf Kannitschreiber, Monserrat Graupenschläger
Politik hacken
Kleine Anleitung zur Nutzung von Sicherheitslücken gesellschaftlicher und politischer Kommunikation

“Wir streiten für die Demokratie. Sie muß die allgemeine Staats- und Lebensordnung werden, weil sie allein Ausdruck der Achtung vor der Würde des Menschen und seiner Eigenverantwortung ist. Wir widerstehen jeder Diktatur, jeder Art totalitärer und autoritärer Herrschaft; denn diese mißachten die Würde des Menschen, vernichten seine Freiheit und zerstören das Recht.” – Godesberger Programm 1959