Woher nimmt Europa das Gas, das es so dringend braucht?

Um eine Antwort zu finden, reist der Journalist Martin Leidenfrost an die neuralgischen Punkte des internationalen Gasgeschäfts. Und stellt fest: Gas ist nicht nur ein Geschäft, es ist Politik, Intrige und Emotion. Es geht um Macht, Männer und Monopole.

Gas-Monopoly

Martin Leidenfrost, Österreicher mit Wohnsitz in der Slowakei, ist studierter Drehbuchautor, Autor von drei Reportage-Büchern und etwa 150 Zeitungsreportagen und quer durch Europa als Reporter tätig. Er spricht die dominierenden Interview-Sprachen des Films Gas Monopoly, Deutsch, Englisch und Russisch und hat sowohl über die EU-europäische Sphäre (Buch “Brüssel zartherb”, 2010) als auch über den mitteleuropäischen und postsowjetischen Raum intensiv gearbeitet.

Ein Reporter der von sich sagt –

Ich blogge nicht.
Ich chatte nicht.
Ich verachte Facebook.

- ist mir schon einmal grundsätzlich sehr sympathisch.

Quelle - Homepage

Die Aussagen der fundiert recherchierten Reportage zum Gas-Geschäft haben es in sich.

„Ich schüttele selber den Kopf über mich, aber es stimmt, ich habe nun ein geschlagenes Jahr im internationalen Gasgeschäft verbracht. Ich habe als Reporter einen Dokumentarfilm gemacht über die wenigen großen Spieler, die das Gasgeschäft beherrschen, über Leute, die Verträge über ein Menschenalter abschließen und immerzu in Milliarden rechnen, über die größten Konzerne der Welt und ein gewaltiges geostrategisches Ringen. Ich wurde immer wieder an den Ausgangspunkt des Dramas erinnert, an den russisch-ukrainischen Gaskrieg vom Jänner 2009, als in Europa kein russisches Gas mehr ankam. An jeder meiner Stationen war irgendwann das Unbehagen vor der schieren Exportmacht des russischen Staatskonzerns Gasprom zu spüren. Früher oder später ging es immer um dasselbe – um die Angst vor den Russen.

Ich will aber lieber darüber schreiben, was man im Film nicht sieht. Was habe ich von den Gasmännern gelernt? Was hat mich an ihnen überrascht? Was an meinen Beobachtungen hat so gar nicht in die großen geostrategischen Frontlinien gepasst?“

Martin Leidenfrost: Unter Gasmännern

Sehen Sie also zunächst den Trailer zur Reportage Gas Monopoly:

Gas Monopoly bei Arte

Geschäfte mit Diktaturen und totalitären Regimen

Joschka Fischer – Nabucco Lobbyist

Frage – „Sie hätten kein schlechtes Gewissen, wenn Nabuko was wird, und sich dann in zehn, zwanzig Jahren herausstellt, dass sich diese Regime in Aserbaidschan und Turkmenistan usw. nur stabilisieren?“

Antwort – „Ich komme, wie das so ist, nicht eine Frage des Gewissens, ich bestreite nicht das es hier sehr ernsthafte Bedenken, mehr oder weniger, je nach Land unterschiedlich gibt, aber ich bin mir sicher das die Öffnung von Nabucco die Bedingungen in Europa verstärken wird, und das wird positive Konsequenzen haben.“

Joschka Fischer – Nabucco Lobbyist

Aussage – „Ich bin der festen Überzeugung, dass Nabucco im europäischen Interesse ist.“

„Ich war Außenminister… aber ich war in vielen anderen Ländern, wo wir Energie her beziehen, z.B. haben wir auch aus Syrien bezogen , ich muss Ihnen die aktuelle Situation in Syrien nicht erklären, Saudi Arabien, Hanoi.“

Alexander Medwedew – Vizepräsident von Gasprom

Aussage – „Nein, die Behauptung, wir übten politischen Druck aus, ist völlig unangemessen. Vielleicht hat Herr Fischer noch keinen richtigen Job gefunden, und hat sich deshalb entschieden, seine rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren.“

Günter Oettinger – Nabucco Lobbyist

Frage – „Macht Ihnen das nicht Sorge, dass wir uns, wenn wir Gas aus z.B. Turkmenistan kaufen, dass wir uns über 30, 40 oder 80 Jahre an eine Diktatur binden, als Europäer.“

Antwort – „Wir wollen zu diesen Ländern die wirtschaftlichen aber auch die kulturellen Beziehungen ausbauen, um so den Weg zu Meinungsfreiheit einer offenen Gesellschaft und irgendwann Demokratie zumindest nicht zu erschweren, sonder zu erleichtern.“

Türkischer Energieminister Taner Yildiz

Frage – „Gibt es für die Türkei einen Zusammenhang – wir Türken unterstützen Nabucco – dafür dürfen wir Mitglied in der EU werden“

Antwort – „Wir sind ein Lösungsland … meiner Meinung nach muss man Geschäfte wie Nabucco aus der ökonomischen Perspektive betrachten, in diesem Sinne gibt es keinen Unterschied zwischen Gas,Tomaten und Paprika. Wenn die Produzenten und Konsumenten sich einigen, kommt das Geschäft zu Stande, wenn nicht, dann eben nicht. … Normale Menschen kaufen immer so viel Tomaten oder Paprika, wie viel er braucht.“

Ein Dialog aus einer Jurte in Gazprom-Sibirien – die Ureinwohner:

„Unser Territorium wurde schon zerstört wegen der Gas-Pipline.“ – „Zerstörtes Territorium?“ – „Die Traktoren graben alles auf, die Rentiere kommen nicht mehr durch. Wir brauchen doch eine saubere Tundra.“ – „Wer ist schuld, dass es keine saubere Tundra mehr gibt?“ – „Natürlich die Okkupanten.“ – „Die Okkupanten?“ – „Die Okkupanten des Nordens.“ – „Wer sind die Okkupanten des Nordens?“ – „Na die Gasförderer. Gas, Öl, das wird gebraucht, uns brauchen sie nicht.“ – „Und die Herden können sich nicht frei bewegen? Die Pipelines sind wie eine Barriere?“ – „Ja, und das Land ist verschmutzt, alles ist verschmutzt. Alles schmeißen sie weg, überall, wo sie etwas bauen, den Zement, die Chemikalien, alles Mögliche, die Rentiere schlecken es dann auf, und sterben.“ – „Und Sie bekommen kein Geld dafür?“ – „Vielleicht bekommt jemand Geld, wir jedenfalls nicht.“ – …“Können Sie nicht Ihren eigenen Staat gründen?“ – „Ich weiß nicht, dann kommt Russland und macht uns nieder, so wie Amerika den Irak erobert hat, und das war es dann.“