Die Abwrackpämie - Kredit auf die Zukunft

Der Ökonom John Maynard Keynes hat einmal gesagt:

“Wenn das Schatzamt sich daran machte, alte Flaschen mit Banknoten zu füllen, sie in beträchtlicher Tiefe in aufgelassenen Bergwerken zu begraben und die Stollen bis zur Erdoberfläche mit städtischem Müll aufzufüllen, und es dann nach den bewährten Prinzipien des Laissez-faire privaten Unternehmern überließe, die Banknoten wieder auszugraben, bräuchte es keine Arbeitslosigkeit mehr zu geben, und würden wahrscheinlich, dank der Rückwirkungen, das Realeinkommen der Gesellschaft und ihr Kapitalvermögen ein Gutteil größer, als es gegenwärtig ist. Es wäre gewiß sinnvoller, Häuser und dergleichen zu bauen, aber falls dem politische und praktische Schwierigkeiten entgegenstehen, wäre das eben Beschriebene besser als nichts.”

Unsere geniale Bundesregierung hat 2009 diesen Rat wohl in die Tat umgesetzt – mit ihrer Abwrackprämie. Menschen 2500 Euro dafür zu bezahlen, dass sie ein altes Auto vernichten, damit sie anschließend ein neues kaufen, ist so ziemlich dasselbe wie das Verbuddeln und Wiederausgraben der Keynes'schen Flaschen.

Der Effekt zeigt sich nun in diesem Jahr – an Hand der Zulassungszahlen:

Die Zulassungszahlen vom Februar zeigen mit minus 30 % gegenüber dem Vorjahr, wie tief das Loch hinter der Abwrackprämie jetzt wird.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts gaben die privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2009 rund 73 Milliarden Euro für den Kauf von neuen oder gebrauchten Kraftfahrzeugen aus. Im Vergleich zu 2008 ist das eine Steigerung um ein Fünftel (20,5 %). Die privaten Konsumausgaben insgesamt nahmen im Jahr 2009 leicht um 0,4 % gegenüber 2008 zu. Ohne die Käufe von Kraftfahrzeugen hätte sich der private Konsum rechnerisch um 0,5 % vermindert.

Statistik Zulassungszahlen


Die Ausgangslage:

In Gesamteuropa existierten vor der “Abwrackprämie“ Produktionskapazitäten für 28 Millionen Pkw pro Jahr, von denen, bei gutem Geschäftsgang, nur 21 Millionen Pkw abgesetzt wurden. Am Ende mussten dann eine nur zu drei viertel ausgelastete Produktionskapazität und dennoch ein Produktionsüberhang stehen, der nicht abgesetzt wurde, also Autos auf Halde.

Dabei muss beachtet werden, dass ein erheblicher Teil des PKW-Absatzes bereits seit Jahren auf massive Preisnachlässe und auf den massenhaften PKW-Erwerb auf Kreditbasis – oft mit einer Null-Prozent-Verzinsung – zurückging. Es handelte sich also bereits hier vielfach nur um vorgezogene Verkäufe, die in den vergangenen Jahren den Einbruch zunächst abmilderten, der sich aber später um so mehr verschärfen würde.

Anstatt also die Fakten zu benennen, und in zukunftsweisende Techniken zu investieren, hat dann 2009 unsere Regierung beschlossen, zusätzlich mit der „Abwrackprämie“ noch die Keynes'schen Flaschen zu verbuddeln.

Hinzu kommt – neun Jahre alte Autos deutscher Premium-Hersteller sind noch lange keine Schrottkisten.

Ein unfallfreier BMW oder Mercedes wird auch schon mal 20 Jahre gefahren, ein VW Golf schafft es häufig bis zum Alter von 15 Jahren. Die Motoren der Premium-Hersteller halten 300.000 Kilometer und mehr, sind aber bei einer durchschnittlichen Jahresleistung von 20.000 Kilometern nach neun Jahren erst 180.000 Kilometer gelaufen. Zudem sind die für die Karosserie verwendeten Bleche seit den Achtzigerjahren verzinkt, sodass der Rost kein Thema mehr ist. Manche Hersteller geben sogar eine 30-jährige Durchrostungsgarantie. Kurzum: Neun Jahre alte Autos zu verschrotten, macht ökonomisch keinerlei Sinn.

Seine Gebrauchtwagen verkaufte Deutschland bislang im großen Stil nach Afrika, Osteuropa und Zentralasien, wo es von alten deutschen Autos nur so wimmelt. Dank ihrer robusten Bauart bewähren sich die deutschen Karossen auf den dortigen Buckelpisten bestens. Im Jahr 2006 exportierte Deutschland 517.000 Gebrauchtautos und erlöste dafür etwa sechs Milliarden Euro.

Genau 3,5 Milliarden Euro hat der Staat somit in 2009 dafür verwendet, einen Teil dieses florierenden Exports auf Schrottplätze umzulenken. Welch abenteuerliche Logik!

In der Sache ist die „Abwrackprämie“ 2009 nichts weiter als ein weiterer Kredit auf die Zukunft und ein weiterer Schuldenbaustein im Gesamtschuldenpaket – was natürlich auch unsere Regierung weiß.

Also mussten wenigstens ökologische Argumente für die Abwrackprämie her, die zur Legitimierung des Unsinns dienen könnten. So meldete z.B. die “Süddeutsche Zeitung” in großer Aufmachung auf ihrer Titelseite, Experten hätten errechnet, die Abwrackprämie diene dem Umweltschutz, weil dadurch der Ersatz alter Spritschlucker durch moderne Autos mit einem niedrigeren Verbrauch gefördert wird, und blieb damit nicht die einzige Zeitung, die diesen Unsinn verbreitete.

Rechnen wir einmal nach. Ein neuer Golf VI mit einem Benzinmotor mit 1,4 Litern Hubraum verbraucht 6,4 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Bei einer Jahresfahrleistung von 12.000 Kilometern sind das 768 Liter Benzin pro Jahr, was bedeutet, dass 1790 Kilogramm CO2 durch den Auspuff strömen. Auf der Basis der 25.000 Kilowattstunden Energie, die für die Produktion verwendet werden, kommt man bei einer plausiblen Aufteilung in Strom und Brennstoffe (50 Prozent Strom aus dem deutschen Erzeugungsmix mit 40 Prozent Wirkungsgrad sowie 50 Prozent Brennstoffe, die mit Verlusten von fünf Prozent bereitgestellt werden) zu einem CO2-Ausstoß für die Produktion von 10.790 Kilogramm oder 1199 Kilogramm pro Jahr – vorausgesetzt der Neuwagen läuft auch neun Jahre.

Umgerechnet auf das einzelne Lebensjahr werden damit durch die Produktion 67 Prozent dessen an CO2 ausgestoßen, was der neue Motor im laufenden Verkehr emittiert. Ersetzt man nun ein altes Auto durch den neuen Golf, so hilft das der Umwelt genau dann, wenn der Spritverbrauch des alten Autos um mehr als 67 Prozent über dem Spritverbrauch des neuen Golf lag.

Das mag im Einzelfall so sein, wenn der neue Golf ein Sprit schluckendes Modell der Oberklasse ersetzt. Beim Ersatz eines Autos ähnlicher Größenordnung kann die Einsparung indes nicht zustande kommen, denn nirgends gab und gibt es Einspareffekte für den Spritverbrauch in der notwendigen Größenordnung.

Beim Golf selbst gab es überhaupt keine Einsparung. Der vor zehn Jahren produzierte Golf IV mit 1,4 Litern Hubraum verbrauchte die gleichen 6,4 Liter Benzin je 100 Kilometer wie ein nagelneuer Golf VI mit demselben Hubraum. Der Effizienzgewinn des Motors ist nämlich in ein höheres Gewicht statt einen niedrigeren Verbrauch umgesetzt worden. Der Ersatz des alten Golf durch einen neuen bedeutet folglich einen Zuwachs des CO2-Ausstoßes um etwa zwei Drittel.

Man kann die Rechnung fast nach Belieben variieren, und doch kommt nichts anderes heraus. Selbst wenn die jährliche Fahrleistung mit 20.000 Kilometern und die Lebensdauer des Neuwagens mit 15 Jahren angesetzt wird, liegt der kritische Prozentsatz für den Mehrverbrauch des Altwagens gegenüber dem Golf VI immer noch bei 24 Prozent. Bei Fahrzeugen gleicher Klasse dürfte auch dieser Prozentsatz in den seltensten Fällen erreicht werden.

Noch viel deutlicher wird die Rechnung bei den Oberklassewagen. Hier lohnt sich der Ersatz eines alten durch ein neues Auto erst recht nicht, weil der Energieverbrauch bei der Produktion im Verhältnis zum Spritverbrauch dort eher noch höher ist als bei kleinen Fahrzeugen. Wie man es auch dreht und wendet: Bei allen auch nur halbwegs plausiblen Konstellationen steigt der CO2-Ausstoß, wenn man ein altes Auto abwrackt und durch ein neues einer ähnlichen Größenklasse ersetzt.

Fazit – auch unter Umweltgesichtspunkten hätten wir besser daran getan, 2009 nicht unsere Altautos abzuwracken, sondern unsere Bundesregierung.

Quelle


Ich vermute aber stark, dass der folgende Satz von John Maynard Keynes die Leitschnur unserer derzeitigen Politik ist:

„Soweit Millionäre ihre Befriedigung darin finden, mächtige Paläste zur Beherbergung ihrer Leiber während ihres Lebens und Pyramiden zur Bergung nach dem Tode zu errichten, oder in der Bereuung ihrer Sünden Kathedralen erbauen und Klöster und Missionen beschenken, kann der Tag, an dem die Fülle des Kapitals auf die Fülle der Produktion störend einwirkt, aufgeschoben werden. Das Graben von Löchern im Erdboden, bezahlt aus Ersparnissen, wird nicht nur die Beschäftigung, sondern auch das reale Einkommen der Volkswirtschaft an nützlichen Gütern und Dienstleistungen vermehren.“

John Maynard Keynes 1936

Nur leider bezahlen wir das “Graben von Löchern im Erdboden” längst nicht mehr aus Ersparnissen – von dem John Maynard Keynes noch ausging – sondern mit Rekordschulden.