Das Wuppertaler Leasing-Theater

Wir Wuppertaler leasen uns jetzt ein Ensemble – zu lesen in der WZ vom 21.07.2013:

„Wie berichtet, hatte es sowohl in der Schauspiel-Sparte als auch im Opern-Sektor in großem Stil Gespräche zur Nichtverlängerung der Verträge gegeben. Einen Aufschrei gab es vor allem im Musiktheater: Dort hat der designierte Opern-Chef Toshiyuki Kamioka signalisiert, dass er das komplette Opern-Ensemble nicht mehr fest engagieren möchte. Statt eines eigenen Opernensembles wolle er auf Gastkünstler setzen. Auch den (Noch-)Ensemblesängern habe er Gastverträge für einzelne Produktionen in Aussicht gestellt.

…Denkbar sei beispielsweise, dass auch Dramaturgen für die Theaterpädagogik zuständig seien.“

Quelle und Original

Durch eigene Betroffenheit unserer beiden Kinder habe ich mich zu folgendem Leserbrief veranlasst gesehen:

Wuppertal trennt sich von seinen Theaterpädagogen

Das Schauspielhaus ist zu, der Protest dazu in jahrelanger Hinhaltetaktik erfolgreich ausgehungert. Das Opernhaus arbeitet zukünftig mit Leasing-Mitarbeitern, der städtische Heilsbringer Toshiyuki Kamioka stellte nun sein Stagionesystem vor. So produzieren Häuser, die kein Repertoiresystem aufweisen können oder wollen. Und zum Opfer des Heilsbringers der Stadt Wuppertal gehört auch die Theaterpädagogik.

Warum ich dazu schreibe – meine beiden behinderten Zwillinge nehmen seid sechs Jahren am Integrativen Theaterprojekt der Wuppertaler Bühnen teil, ins Leben gerufen, betreut und inszeniert von Miriam Rösch und Markus Höller. Während die gnädig übrig gebliebene nur noch kleine Bühne im Foyer des Schauspiels in all den Jahren mit rückläufigen Zuschauerzahlen zu kämpfen hatte, hat jede einzelne Veranstaltung der Integrativen Theatergruppe in allen sechs Jahren mit allen vier Aufführungsterminen den Bühnen jeweils ein völlig ausverkauftes Haus beschert – ein absoluter Achtungserfolg, den sogar Enno Scharwächter wahrgenommen hat. Leider hatte er – wie meine behinderten Töchter feststellten – nicht den Arsch in der Hose, dies auch dem gesamten Ensemble mitzuteilen. Schade. Der Enno Scharwächter ist auch Autor des folgenden Satzes: „Wie ein Intendant den Spielplan bestreitet, ist ein Stück künstlerische Freiheit der deutschen Stadttheater. Einen Gezeitenwechsel auch beim Personal zu machen, ist sein gutes Recht.”

Damit kommen wir zum großen Ganzen, dem Gezeitenwechsel – Wuppertal ist pleite – so pleite wie Detroit – nur kann eine Kommune in NRW im Gegensatz zu den USA leider noch keinen Konkurs anmelden. Stadtdirektor Slawig hat öffentlich den Zeithorizont für die Rückzahlung der Kassenkredite in Höhe von knapp 1,5 Milliarden Euro mit 70 oder mehr Jahren beziffert und dies gleichzeitig als sinnvolle politische Perspektive ausgeschlossen. Früher oder später müsse ein Altschuldenfonds beim Bund einen wesentlichen Teil dieser Schulden übernehmen. Das sind die Fakten. Null Gestaltungsmöglichkeit.

So, lieber Oberbürgermeister, lieber Stadtrat, was haben Sie also jetzt noch zu entscheiden? In Detroit gäbe es jetzt einen Konkursverwalter. Sie könnten nun einfach nach Hause gehen und über alle Sünden der Vergangenheit nachdenken – über die 600 Millionen Belastung der Stadtwerke aus dem Abriss/Neubau Schwebebahn, über die 1259 Korruptionsfälle in Korruppertal nach Hans Leyendecker, über den Rückkauf der Privatisierungsanteile an der Wasserversorgung in Höhe 57 Millionen Euro, für den die Wuppertaler die höchsten Wasserpreise in ganz Deutschland zahlen – usw. usw.
Oder sie schauen einfach mal nach, ob Sie nach all den Jahren der Korruption noch einen klitzekleinen Teil-Arsch in der Hose haben. Dann ist es nämlich völlig egal, in welcher Höhe ein Altschuldenfond die Anteile der Stadt Wuppertal übernimmt – Sie haben aber damit jederzeit die Möglichkeit zu benennen, was für Sie für Wuppertal wirklich wichtig ist – und können dazu eindeutig Stellung beziehen – für soziale Errungenschaften, die Sie eben nur treuhänderisch von unseren Eltern zur Verwaltung übernommen haben, und die Sie zur Zeit im Sparzwang einfach sinnlos verballern.

Ein Rat der Stadt Wuppertal ist ebenso überflüssig wie ein Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen GmbH, wenn dieser sich nicht für die Belange der Stadt Wuppertal oder seiner Institutionen einzusetzen vermag.

Ich bitte meine Wortwahl zu verzeihen – aber es ist genug der Wortspiele – und ich bin nur noch wütend.

Andreas Kleffmann

Was im Rahmen eines Leserbriefes nicht mehr unterzubringen ist, soll nun hier folgen:

Wie immer lohnt es sich, in die Vergangenheit zu blicken – 10.02.2009 – Wuppertal aktiv
Enno Scharwächter, Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen GmbH

„23 Millionen Euro stecken in der Sanierung des Opernhauses, aber, so Enno Scharwächter, Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen GmbH: “Das meiste Geld ist unsichtbar.” Es verbirgt sich hinter den frisch verputzten und gestrichenen Wänden, hinter, neben und über der Bühne. Nahezu jede Leitung wurde erneuert, die Bühnentechnik mit so mancher Finesse ausgestattet. Davon profitiert die Kunst, die eigentliche Gewinnerin der Sanierung..“

Quelle und Original

So, Herr Enno Scharwächter, jetzt haben wir also frisch verputzte und gestrichene Wände, hinter, neben und über der Bühne – nur leider kein Ensemble mehr. Und ich stimme Ihnen zu „Das meiste Geld ist unsichtbar“ Sie sind mir ja ein rechter Spökenkieker!

Aber, wir wissen ja – mit Hilfe der Düsseldorfer Werbeagentur Scholz & Friends und kleinem Budget von 200.000 Euro – „Wuppertal macht was anderes“.

Ich beginne die Genialität dieses Werbespruches allmählich zu verstehen.

Insofern hätte ich für den städtische Heilsbringer Toshiyuki Kamioka auch noch einen konstruktiven Vorschlag. Ein festes Ensemble wie ein fester Spielplatz haben immer den Nachteil der Unbeweglichkeit in den Kosten. Und feste Häuser sind ohnehin überbewertet, dass zeigen uns seit Jahren die vielfältigen Wandercircen. Also Herr Toshiyuki Kamioka, kündigen Sie nach dem Ensemble doch einfach auch noch das Opernhaus, stellen Sie ein tatkräftiges und extrem kostengünstiges Leasing-Ensemble aus Bangladesch zusammen, und leasen Sie ein großes, prachtvolles Circuszelt. Dann führen Sie mobil Bollywood Oper und Theater auf, das hat immer Erfolg, und überfordert auch den Zuschauer nicht in den schweren politischen Zeiten. Sie sind dann mobil, quasi Bollywood to go, Kosten ungebunden, die ganze Welt wird auf Sie schauen. Das Ganze kann nur eine Win-Win Situation werden und in Wuppertal macht man einfach was anderes.

Das Opernhaus mit frisch verputzten und gestrichenen Wänden, hinter, neben und über der Bühne könnte man dann als repräsentative Lokation großen Versicherungen als Veranstaltungssaal für ihre Betriebsfeiern vermieten – die verdienen auch in Zeiten der Krise noch Geld. Also – eine weitere Einnahmequelle für Wuppertal.

Die Damen und Herren im Stadtrat – für die nächsten 70 Jahre als Entscheidungsträger handlungsunfähig, und daher völlig überflüssig – könnten derweil der WSW Platz im Rathaus machen, die aus dem Asbest verseuchtem Gebäude an der Bromberger Straße raus muss, und kein Geld mehr hat. Die WSW spart sich so ein neues Gebäude, die Wuppertaler eine Menge Gehälter – wieder nur Win-Win.

Für die mittels Parteienhebeanlage in den Aufsichtsrat beförderten Aufsichtsratsmitglieder der WSW beantragen wir dann noch je ein Bundesverdienstkreuz am Bande, wie schon für unseren Klaus Jürgen Reese geliefert.

Nach den vielfältigen Ein- und Wideraustritten in Voll- und Teilprivatisierungen wie die Cross-Border-Leasing Verträge, die erfolgreiche Kooperation und Kooperationsauflösung mit RWE und Cegedel, die erfolgreiche Kooperation und Kooperationsteilauflösung mit Electrabel Deutschland AG, der erfolgreiche Abriß und kostengünstige Wiederaufbau der Wuppertaler Schwebebahn, die erfolgreiche Ausbootung des Bundeskartellamtes beim Wasserpreis zur Flucht in die Gebühren – damit gebühren den Damen und Herren wohl gleich mehrere Bundesverdienstkreuze am Bande.

Und unser Bundespräsident wird diesen Wünschen wohl auch entsprechen – wie sagte Priol so schön – „Der unterschreibt alles, solange er eine Rede halten darf.“

Machen wir also mal was anderes!

Lassen wir unseren Bundespräsidenten ganz viele Reden halten!

Zur Erinnerung – Die letzte Vorstellung im Wuppertaler Schauspielhaus

Nachtrag:

Es gehört zu den Perlen der Stadt Wuppertal, dass Miriam Rösch und Markus Höller im Rahmen der Theaterpädagogik mit dem Integrativen Theaterprojekt 17 behinderten und nicht behinderten Menschen eine Bühne geboten haben, und den Wuppertaler Bühnen mit ausverkaufen Spielstätten eine völlig neue Zuschauer- und Interessentengruppe erschlossen hat.

Aber wie so oft in Wuppertal – siehe Pina Bausch – werden die Perlen bei den „Machern“ in der Stadt als solche nicht wahrgenommen.

Ebenso oft muss man feststellen, dass diese wirtschaftlich orientierten „Macher“ in der Regel auch noch nicht einmal rechnen können.

Daher für den städtische Heilsbringer Toshiyuki Kamioka und den kaufmännischen Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen GmbH, Enno Scharwächter, eine kleine Nachhilfestunde in den eigenen Zahlen:

60.000 Besucher gab es in Wuppertal in der Spielzeit 2011/2012 bei 309 Vorstellungen .

Das Integratives Theaterprojekt bestritt 4 Vorstellungen auf der kleine Bühne, alle ausverkauft mit 126 Zuschauern – weitere Aufführungstermine waren – trotz gegebener Nachfrage – organisatorisch bei den Bühnen nicht unterzubringen.

Das bedeutet für das Integrative Theaterprojekt 2011/2012
Gesamt 504 Zuschauer – Gesamt Erlös 2268 Euro pro Vorstellung

Bleiben 305 Vorstellungen mit 59.500 Besuchern, was einen Durchschnitt von 195 Zuschauern ergibt.

Nun wird es ein wenig unscharf, da die Zahlen nicht hergeben wie viele der 309 Aufführungen im kleinen Schauspiel stattfanden – lösen wir es über die Kapazitäten und setzen gleiches Interesse der Wuppertaler an Schauspiel und Oper voraus:

Die Oper hat 756, das kleine Schauspiel 126 Sitze – Gesamt 882
14,28 Prozent entfällt also auf das Schauspiel 85,72 auf die Oper

Durchschnitt im kleinen Schauspiel bei allen anderen Aufführungen 2011/2012
Gesamt 27,85 Besucher pro Vorstellung. Gesamt Erlös 501,30 pro Vorstellung

Quelle der Zahlen sind die Bühnen selber:

Wuppertaler Bühnen 2011/2012

Im Klartext bedeutet das – nicht einmal wirtschaftlicher Erfolg vermag Kündigungen zu verhindern – Armselig!

“Die schöpferischen Kräfte des Menschen müssen sich in einem reich gegliederten und vielfältigen kulturellen Leben frei entfalten können. Die Kulturpolitik des Staates soll alle kulturwilligen Kräfte ermutigen und fördern. Der Staat muß alle Bürger vor den Macht- und Interessengruppen schützen, die das geistige und kulturelle Leben eigenen Zwecken dienstbar machen wollen.” – Godesberger Programm 1959