Verbrechen und Scham

Angesichts des Überfalls Israels auf die Free-Gaza-Flotte, deren einer prominenter Aktivist Henning Mankell war, titelt die linke TAZ:

Autor Mankell als Polit-Aktivist – Der aufgebrachte Passagier

„Bestsellerautor Henning Mankell ist der prominenteste Gaza-Unterstützer. In seiner Israel-Kritik geht er allerdings zu weit.“

„Was am Montag im Mittelmeer geschah, ist für Mankell klar: “Die israelische Marine hat uns in internationalen Gewässern attackiert. Das ist nichts anderes als Piraterie und Kidnapping.” Dafür spricht viel. Mankell wäre ein glaubwürdigerer Zeuge, wenn sein Israelbild differenzierter wäre.“

Artikel taz


Kommentare dazu


Verliert Henning Mankells Israel-Kritik an Glaubwürdigkeit durch ein undifferenziertes Israelbild, oder ist es nicht das Trauma des Holocaust, das es insbesondere uns Deutschen unmöglich macht, objektive Kritik an den Verbrechen Israels unter den Augen der Weltöffentlichkeit zu üben?
Ist dies der Grund warum sich selbst eine linke Zeitungsgröße nicht traut, Position zu beziehen, um sich nicht einem inzwischen generalstabsmäßig gebrauchtem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen?

Die Position Henning Mankells zu Israel findet man auf Wikipedia:

Im Jahr 2009 war Mankell Gast einer palästinensischen literarischen Konferenz und bereiste die Palästinensischen Autonomiegebiete. Er behauptete im Anschluss daran, dass die Gründung Israels 1948 keine „völkerrechtlich legitime Handlung“ gewesen sei und man dort „eine Wiederholung des verächtlichen Apartheidsystems, das einst die Afrikaner und Farbige als Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Land behandelte“ erlebe. Die israelischen Sperranlagen verglich Mankell mit der Berliner Mauer. Angesichts der Lebensumstände der Palästinenser sei es nicht verwunderlich, „dass sie sich entscheiden, sich in einen Selbstmordbomber zu verwandeln […]. Verwunderlich ist nur, dass es nicht mehr tun.“ „Die Israelis“ würden „Leben vernichten“ und der Staat Israel in seiner jetzigen Form habe keine Zukunft, eine Zwei-Staaten-Lösung würde die „historische Besatzung“ nicht rückgängig machen. Antisemitismus habe Mankell während der Reise nicht erlebt, lediglich „normalen Hass auf die Besatzer.“

Wikipedia - Mankell


Die Position unserer Bundesregierung kennt dagegen keinerlei Differenzierung:

Am 18.03.2008 stellte sich unsere Bundeskanzlerin vor die Knesset und hält eine Rede, die solchen zionistischen Pathos hatte, dass sich Dr. Meir Margalit , Historiker, Aktivist der israelischen Friedensbewegung, ehemaliges Stadtratsmitglied von Jerusalem und Mitglied der Meretzpartei berufen fühlte, daraufhin in einem öffentlichen Brief zu antworten.

Dr. Meir Margalit fragt:

„Wenn Sie nämlich wirklich nur Israels Wohl im Sinne gehabt hätten, dann hätten Sie die Palästinenserfrage zumindest erwähnt. Stattdessen taten Sie so, als ob es diese überhaupt nicht gäbe. Sie hätten mit klaren Worten erwähnen müssen, dass die israelische Besatzung der Palästinensergebiete unmenschlich ist und enden muss, dass Israel die besetzten Gebiete räumen, die Siedlungen auflösen und die Belagerung des Gazastreifens beenden muss.“

Und:
„Wenn Sie wirklich an der Seite Israels gegen seine Feinde stehen wollten, dann hätten Sie zuallererst den Staat Israel selbst kritisiert. Die größte Gefahr, die Israel zu fürchten hat, geht nämlich ironischerweise nicht vom Iran, sondern Israel selbst aus. Seit 1967 betreibt der Staat Israel nämlich ein System der Selbstvernichtung. Jeder, der sich um das Wohl des Staates Israel bemüht, muss ihm helfen, dieses System zu beenden.“

Und:
„Zum Schluss möchte ich Sie gerne darauf hinweisen, dass ich zwar kein Moralist bin, aber dennoch denke, dass Sie eine der wichtigsten moralischen Lektionen des Zweiten Weltkrieges ignoriert haben:
Nämlich, dass man bei Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen darf, und dass man gegen jedes Regime, dass ein fremdes Volk unterdrückt, kämpfen muss. Heute sind wir leider die Unterdrücker. Es ist daher Ihre Aufgabe, mit lauter Stimme zu sagen, dass es im 21. Jahrhundert keinen Platz für Besatzungsmächte und Unterdrücker gibt. Und es ist Ihre Aufgabe, zu sagen, dass jedes Volk ein Recht auf Selbstbestimmung hat.“

Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel


Mangelt es uns also politisch an einem differenzierterem Israelbild?

Zur Antwort sollen hier drei Buchempfehlungen dienen, jeweils mit Kurzbeschreibung der Verlage:

1. – Die ethnische Säuberung Palästinas – Ilan Pappe und Ulrike Bischoff – 416 Seiten, GP-Nummer 200 320, EUR 22,00

In dem bereits im Jahr 2006 in Oxford/ England erschienenen Buch von Ilan Pappe “The Ethnic Cleansing of Palestine” beschreibt der israelische Historiker und Professor für Politische Wissenschaften der Universität Haifa den Krieg 1948 zwischen dem gerade erst gegründeten Staat Israel und Palästina. Während dieser Krieg in der israelischen Wahrnehmung als “Unabhängigkeitskrieg” bezeichnet wird, rückt Pappe die massenhafte und von der israelischen Armee mit brutaler Gewalt vorangetriebene Vertreibung der Palästinenser in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Die ethnische Säuberung großer Teile Palästinas, so Pappe, sei von Anfang an eine sorfältig vorbereitete Strategie gewesen und stelle heute eine der Wurzeln des andauernden Konflikts im Nahen Osten dar. Vor allem räumt Pappe auf mit dem Mythos des 'voluntary flight' – von der freiwilligen Flucht der Palästinenser aus ihrer Heimat – der heute immer noch weitgehend durch die Argumentation geistert. Tatsache sei vielmehr, daß an die 1 Mio. Palästinenser unter Anwendung von Gewalt gezwungen worden seien, ihre Häuser und Dörfer zu verlassen. Dieser Vorgang, der teilweise unter den Augen von UN-Beobachtern, einer offenbar sich kaum darum kümmernden britischen Mandatsmacht und einer im allgemeinen indifferenten Weltpresse stattfand, habe, so der Autor, zu einer der größten Massenvertreibungen der neueren Geschichte geführt. Detailliert und kenntnisreich beschreibt er die Vorgänge der damaligen Zeit. Er stützt sich dabei, nicht wie etwa andere Historiker, nur auf israelische Quellen, sondern begibt sich selbst an die Orte des Geschehens, rekonstruiert die Überfälle der israelischen Armee und befragt überlebende Zeitzeugen. Pappe selbst sagt, mit seinem Buch habe er zweierlei untersuchen wollen, zum einen, wie 1948 bei der ethnischen Säuberung vorgegangen wurde, und zum andern, die Art und Weise, wie diese anschließend in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sei. Die nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs allenthalben voherrschende Gleichgültigkeit sowie die auffällige Zurückhaltung jeglicher Kritik gegenüber dem jüdischen Staat nur drei Jahre nach dem Holocaust, habe der Welt erlaubt, den Vorgang schlichtweg zu verdrängen und so die Verantwortlichen in die komfortable Lage versetzt, das Verbrechen, das die zionistische Bewegung 1948 an dem palästinensischen Volk begangen habe, einfach abzustreiten.

Wer immer sich mit dem Problem 'Naher Osten' und den Befindlichkeiten der sich nahezu unversöhnlich gegenüberstehenden Parteien befaßt, und wer vor allem nach Erklärungen für das heutige Verhalten der Palästinenser sucht, für den ist Ilan Pappes Buch ein absolutes Muß!

2. – Herr oder Knecht – James Petras – 210 Seiten, ISBN-10: 3889751431, EUR 12,80

James Petras scheut keine Tabus. Keine Verschwörungstheorien, sondern überraschende Tatsachen. Zwischen Israel und USA existiert eine Beziehung sui generis.Im Kongress und im Senat sitzen mehr Zionisten als in der Knesset.
Pro-israelische Lobbys kontrollieren Medien, die öffentliche Meinung und die Wahlen in den USA. Die US-Außenpolitik im Nahen Osten wird von Israel und den pro-israelischen Lobbys in den Vereinigten Staaten gesteuert. Die USA führen Krieg im Nahen Osten, obwohl das nicht einmal ihren imperialen Zielen nützt. Israel dämonisiert den Iran und die USA beten es nach.
Israels Agenten spionieren die USA aus und bleiben unbestraft. Schüler und Lehrer tauschen die Plätze. Die USA lernen von israelischen Folterknechten. Die Israelis kennen die arabische Mentalität. Gelehrige Schüler arbeiten in Abu Ghraib und Guantanamo. Israel will eine “Endlösung” in Palästina. Folter und Bomben vertreiben die Palästinenser. Die Israelis rauben das Land. Europa und die USA klatschen Beifall. Petras demaskiert den israelischen Kolonialismus. Petras entlarvt die Opferrolle Israels. Er lässt die tatsächlichen Opfer sprechen. Er klagt die ethnische Säuberung an. Er kritisiert die pro-israelische Einstellung der US-amerikanischen Intellektuellen und ihre Verbeugung vor der Keule des “Antisemitismus”.

Der Vorwurf des “Antisemitismus” wird immer gerade von denen gemacht, die selbst die Semiten foltern und mit modernsten Waffen massakrieren. Petras zerstört die Legenden über die israelische Demokratie.

3. – Hitler besiegen – Avraham Burg – 280Seiten, ISBN-10: 3593390566, EUR 23,60

Avraham Burg spricht aus, was viele in Israel empfinden: Der jüdische Staat ist besessen vom Misstrauen – gegen sich selbst, seine Nachbarn und die Welt um sich herum. Der Holocaust wird als ultimatives Trauma vereinnahmt, um israelisches Unrecht zu legitimieren. Burg kritisiert sein Land als militaristisch, fremdenfeindlich und anfällig für Extremismus. So wird der Weg zu einem Frieden im Nahen Osten immer wieder verbaut.

Trotz der großen Bedeutung des Erinnerns an die Opfer ist es Zeit, dass Israelis, Juden und die westliche Welt – allen voran Deutschland – das Trauma des Holocaust überwinden und Israel zu einem neuen Selbstverständnis findet, das auf Freiheit und Demokratie beruht.

Im Ausland hat man schon im vergangenen Jahr zum Gaza-Krieg klare Worte gefunden.

Stellungnahme der Literaturnobelpreisträger José Saramago und Pilar del Río sowie weiterer Publizisten und Kulturschaffenden zum Krieg gegen die Palästinenser in Gaza.

Verbrechen und Scham

Es ist kein Krieg, es gibt keine sich gegenüberstehenden Heere. Es ist ein Morden. Es handelt sich nicht um eine Repressalie, es sind nicht die selbstgebastelten Raketen, die erneut auf israelisches Territorium fielen, sondern es ist die zeitliche Nähe zum Wahlkampf, die den Angriff ausgelöst hat.

Es ist nicht die Antwort auf das Ende des Waffenstillstandes, denn während dessen Geltungsdauer hat die israelische Armee die Blockade von Gaza noch verschärft und ihre tödlichen Operationen nicht eingestellt, 256 Tote in den sechs Monaten einer vermeintlichen Feuerpause, mit der zynischen Rechtfertigung, dass ihr Ziel immer nur die Mitglieder der Hamas seien. Als ob die Mitgliedschaft in der Hamas den vom Einschlag eines Geschosses zerfetzten Körper seiner menschlichen Eigenschaft entkleide, und als ob selektiver Mord nicht immer noch Mord bleibe.

Es ist keine Explosion der Gewalt. Es handelt sich um eine geplante und seit geraumer Zeit von der Besatzungsmacht angekündigte Offensive. Ein weiterer Schritt bei der Vernichtung des Widerstandswillens der palästinensischen Bevölkerung, die im Westjordanland der täglichen Hölle der Besatzung unterworfen ist und im Gazastreifen einer Aushungerung, deren letzte Episode nun das Gemetzel ist, das die Bildschirme mitten in freundlichen und festlichen Weihnachtsbotschaften füllt.

Es handelt sich auch nicht um ein Scheitern der internationalen Diplomatie. Es ist ein weiterer Beweis für die Komplizenschaft mit dem Besatzer. Dabei geht es nicht nur um die USA, die weder moralischer noch politischer Bezugspunkt, sondern Teil, nämlich israelischer Teil des Konflikts sind; es geht um Europa, um die enttäuschende Schwäche, Unentschlossenheit und heuchlerische Haltung der europäischen Diplomatie.

Das Skandalöseste an den Ereignissen in Gaza ist, dass sie geschehen können, ohne dass etwas geschieht. Die Straflosigkeit Israels wird nicht in Frage gestellt. Die fortgesetzte Verletzung internationalen Rechts, der Genfer Konvention und der Mindeststandards an Menschlichkeit bleibt ohne Konsequenzen. Im Gegenteil, sie scheint noch prämiert werden zu sollen mit präferenziellen Handelsverträgen oder Vorschlägen zum Eintritt Israels in die OSZE. Und wie obszön klingen schließlich die Sätze aus den Mündern mancher Politiker, die die Verantwortung zu gleichen Teilen zwischen Besatzer und Besetztem, zwischen dem Belagerer und dem Belagerten, zwischen Henker und Opfer verteilen. Und wie unseriös ist doch die vermeintliche Äquidistanz, die den Unterdrückten mit seinem Unterdrücker auf die gleiche Stufe stellt. Die Sprache ist nicht unschuldig. Worte töten nicht, aber sie helfen, das Verbrechen zu rechtfertigen und es zu verewigen.

In Gaza wird ein Verbrechen begangen. Es geschieht bereits eine Zeitlang vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Und vielleicht wird in einigen Jahren jemand es wagen zu sagen, wie es in einer anderen Zeit schon einmal geschah, dass wir nichts wussten.

Pedro Martínez Montávez, José Saramago, Pilar del Río, Rosa Regás, Carmen Ruiz Bravo, Belén Gopegui, Constantino Bértolo, Santiago Alba und Luis Cruz

Quelle - Verbrechen und Scham


Die Scham derer, die angesichts der Toten und der Menschenrechtsverletzungen in Gaza kontinuierlich schweigen, einen Frieden im Nahen Osten damit unmöglich machen, und die ein Regime unterstützten, das ein fremdes Volk und deren Unterstützer unterdrückt und willkürlich mordet, sollte angesichts unserer deutschen Geschichte inzwischen unaussprechlich sein – nur gibt es eben diese Scham bezeichnender Weise in der deutschen Politik leider nicht!
Es wird also Zeit, das Trauma des Holocaust zu überwinden, den Antisemitismus zu differenzieren und Position zu beziehen!

“Darum fürchtet der Mensch, gewarnt durch die Zerstörungskriege und Barbareien seiner jüngsten Vergangenheit, die eigene Zukunft, weil in jedem Augenblick an jedem Punkt der Welt durch menschliches Versagen das Chaos der Selbstvernichtung ausgelöst werden kann. “ – Godesberger Programm 1959

Nachtrag 22.09.2010

“Neun Menschen kostete der israelische Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte im Mai das Leben. Nun haben UN-Experten den Vorfall untersucht. Sie erheben schwere Vorwürfe – weit über den Vorfall hinaus.
Das Aufbringen des türkischen Schiffs „Mavi Marmara“ Ende Mai, bei dem neun Gaza-Aktivisten getötet wurden, habe „auf hoher See klar gegen das Recht verstoßen“, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des UN-Menschenrechtsrates. In dem 56 Seiten langen Report wird auch die israelische Blockade des Gazastreifens selbst als ungesetzlich bezeichnet.”

“Der Angriff könne durch nichts gerechtfertigt werden, heißt es in dem Bericht, auch nicht durch Artikel 51 der UN-Charta. Der Passus erlaubt Staaten die Selbstverteidigung und die Abwehr von Terroristen. Die Erstürmung der Flotte sei nicht nur „unverhältnismäßig“ gewesen, sondern zeuge auch von einem „völlig unnötigen und unglaublichen Grad von Gewalt“. Die Ermittler nannten in ihrem Bericht unter anderem die Vorwürfe der vorsätzlichen Tötung und der Folter, auf die sich Anklagen gegen Israel stützen könnten.”

Focus - UN-Report

“Mankell wäre ein glaubwürdigerer Zeuge, wenn sein Israelbild differenzierter wäre.“ – schrieb die TAZ.

Aus dem UN-Bericht ergibt sich wohl nun eindeutig – Mankell war ein glaubwürdiger Zeuge.