Merkels vier Versprechen

Sehr geehrte Frau Merkel,

mit Vergnügen habe ich Ihre Anzeige am 18.11.2010 in der renommierten „Zeit“ gelesen – „Vier Versprechen, doch zuerst einen Dank“.

Ich wusste gar nicht, dass Sie sich in Ihrer Regierungsarbeit mittlerweile so erfolgreich in Poetry Slam üben, finde nur ein wenig bedauerlich, das dies wohl als Anzeige auf Kosten des Steuerzahlers erfolgt. (Der deutsche Michel hat aber wohl immer etwas zu meckern)

(Poetry Slam setzt sich zusammen aus poetry (englisch: „Dichtung“) und dem Verb slam (etwa: „zuschlagen, zuknallen; jemanden ins Gesicht schlagen. Alltagssprachlich wird slam auch für „scharfe Kritik“ verwendet.)

Vielleicht eine Anmerkung zum Stil (das konnte ich wegen meines zu kleinen Scanners nicht wiedergeben):
Ob des schwarzen Balkens um die Anzeige im Original – hatte ich ja zunächst gedacht – „Die ist gestorben“ – musste dann aber mit der Kennzeichnung des Beitrages als Anzeige und dem Inhalt feststellen – „das ist tatsächlich eine aktuelle Wortmeldung“.

Anzeige "Die Zeit" - Merkels vier Versprechen

Nun zurück zum Beitrag.

Also Hut ab – solch ein Format hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut!

Nicht nur wie sie uns in diesem Beitrag mit Ihrer Poetry zuknallen, nein auch die Zeitung ist bestens gewählt, stellt Sie doch das Informationsmedium der Entscheidungsträger in dieser Republik dar – all die Ackermänner und Nonnenmacher werden dies lesen!

Schon der Einstieg ist brillant – Sie danken für das vollbrachte Wunder und die gemeinsamen Anstrengungen. Jeder, der die Realität kennt, wird anerkennen müssen, welche Ausdruckskraft Sie hier gefunden haben, mit welcher Wortgewalt Sie uns hier Ihre Poetry entgegenbringen! Uns ausdrücklich für Gemeinsinn und Leistung, für unsere Vernunft und Engagement zu danken, wird den Ackermännern und Nonnenmachern die Zornesröte ins Gesicht treiben!

Im Laufe des Beitrages steigern Sie sich aber noch.

Anzeige Die Zeit - 4 Versprechen
Download merkel_4versprechen.pdf - 716 kB

Erstes Versprechen – Wir sichern die Finanzen!

Erstklassig – lautet die Realität doch:

Die Finanzkrise kostet jeden Deutschen im Schnitt mehr als 9.000 Euro.
Besonders ins Gewicht fällt dabei der Verlust an Wirtschaftsleistungen in den Jahren 2009 und danach. Je nach Annahmen über den weiteren Erholungspfad summieren sich diese Verluste in den wahrscheinlichsten Szenarien auf 740 Milliarden Euro bis etwa 2.200 Milliarden Euro. Dies entspricht Kosten von 9.000 Euro bis etwa 27.000 Euro für jeden Deutschen.

Friedrich-Ebert-Stiftung - Finanzkrise
Download finanzkrise.pdf - 115 kB

In der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Oktober 2010 sind die endgültigen Kosten für die Not leidenden Euroländer noch gar erfasst – insbesondere für das aktuell für Irland geschnürte Hilfspaket von 50 bis 100 Milliarden Euro.

Zu Irland – es war der Deutsche-Bank-Chef Ackermann, ein Schweizer, und nicht Sie – der in Brüssel die Weichen stellte: Die EU-Staaten sollen Irland finanziell unter die Arme greifen. Von 50 bis 100 Milliarden Euro ist die Rede, die EU und Internationaler Währungsfonds zur Stützung Irlands aufbringen sollen.

Was Ackermann nicht sagte, ist, die deutschen Banken sind zweitgrößter Gläubiger Irlands nach den Briten.

Die FAZ hatte es bereits auf den Punkt gebracht – „Längst hat die Finanzwelt die Politik fest im Griff“.

FAZ - Finanzkrise



Als in der Vergangenheit augenscheinlich nur Unterschriftsbevollmächtigte der deutschen Banken finden Sie hier mit Ihrer Poetry zur politischen Eigenständigkeit zurück, und setzen nun in Ihrem Vortrag einfach ein Versprechen dagegen – Wir sichern die Finanzen!

Noch einmal – erstklassig! Was wird sich der Ackermann nun ärgern!

Zweites Versprechen – Wir schaffen die Bildungsrepublik!

Ebenso perfekt – lautet die Realität doch:

Der Exportweltmeister Deutschland als eines der reichsten Länder in der EU schneidet im Bildungssystem mehr als miserabel ab. Als Vergleich mag das skandinavische Bildungssystem dienen. Es erklärt nicht zuletzt, warum die relative soziale Mobilität so gut ist. Das System zeichnet sich zunächst durch eine hervorragende Finanzierung aus, und zwar um 29 % höher als in Deutschland . Besonders auffällig und eigentlich kaum nachvollziehbar ist nach OECD-Berechnungen der enorme Unterschied in den Ausgaben im Volksschulbereich von fast 42,8 % mehr in Skandinavien. Vor allem in der Grundschule ist die Zahl der Schüler pro Lehrer in den skandinavischen Ländern um fast ein Drittel geringer. Hier baut sich der große Rückstand Deutschlands in den Bildungsleistungen frühzeitig auf.

Das deutsche Schulsystem leidet neben der Unterfinanzierung vor allem an zwei Schwachstellen: Kinder aus der unteren sozialen Schicht schneiden relativ schlecht ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien, die noch dazu in Deutschland besonders zahlreich sind.

Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: Die skandinavischen Länder zeichnen sich schließlich durch eine sehr hohe Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß aus. Sie ist mit durchschnittlich 38 % um fast die Hälfte höher als in Deutschland.

Jahnke-Net - Skandinavienvergleich



Ob der eklatanten Unterschiede zu unseren skandinavischen Nachbarn ist Ihr Poetry auch hier zu bewundern – „Wir wollen Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen helfen.“

Perfekt – solchen Absichtserklärungen muss sich jede Realität beugen – energisch genug vorgetragen – wie in Ihrem Beitrag – glaubt das natürlich jeder!

Drittes Versprechen – Wir sichern die Energieversorgung!

Ebenfalls Poetry erster Güte – lautet die Realität doch:

„Die Atompolitik ist das jüngste Beispiel dafür, wie sehr sich die Politik von Bürgern und Bürgerinnen abzusetzen scheint. Die Verlässlichkeit in politischen Entscheidungen scheint einer sich an tagesaktuellen Ereignissen orientierenden Beliebigkeit und einer zu großen Nähe zur Wirtschaftslobby gewichen zu sein.“

Konrad Freiberg
Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei
in einer Pressemitteilung

„Wir haben uns hier etwas aufgebürdet, wo wir bis heute nicht wissen, wie wir wirklich sicherstellen können, dass zukünftige Generationen vor diesen großen Gefahrenpotentialen auch geschützt werden.“

Wolfram König
Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz
im NDR über die Lagerung von Atommüll

„Für mich ist heute noch jedes Atomkraftwerk eine schlafende Atombombe. Wenn ein Flugzeug abstürzt oder ein Atomreaktor eine Panne hat, wird immer gefragt: Menschliches oder technisches Versagen? Dabei gibt es nur eine Antwort: Menschliches! Wir haben die Technik doch erfunden, und jetzt verstecken wir uns dahinter.“

Enoch zu Guttenberg
Dirigent und Umweltschützer
im Interview mit dem Magazin Cicero

Quelle

Hier die Realitäten und den Bürgerwillen in Ihrer Poetry einfach völlig außen vor zu lassen, ist schon Weltrekord! Sie brauchen somit bis 2050 gar nicht mehr 80% des Stroms aus erneuerbaren Energien zu produzieren, Ihre Poetry hat Sie in Bezug auf den zurück genommen Ausstieg aus der Kernenergie bereits geadelt!

Zuletzt zum besten Punkt Ihres Beitrages.

Viertes Versprechen – die Finanzierung des Gesundheitswesen!

Das ist einfach Ihr Bravourstück – ein Gesundheitswesen, langfristig bezahlbar, für alle Versicherten, für jedes Alter, für jeden Geldbeutel. Lautet die Realität doch:

“Der Bundestag hat die Reform der Krankenkassen beschlossen. Ab Jahresende ändert sich vieles für die Versicherten. Für die Versicherten bedeutet sie: Sie müssen ständig auf dem Laufenden bleiben über die Zusatzbeiträge anderer Kassen. Wer alt, krank und nicht flexibel genug ist, zu wechseln, ist der Dumme – bei Zusatzbeitrag wie Sozialausgleich. Das gilt auch für Arbeitslosengeld-II-Empfänger: Sie bekommen ihre Zusatzbeiträge zwar künftig aus dem Fonds bezahlt, können aber – wenn ihre Kasse mehr als den Durchschnittswert verlangt – dazu verdonnert werden, aus eigener Tasche draufzuzahlen.”

Quelle

Und aus berufenem Mund nun noch eine Generalaussage, wer unser Gesundheitswesen eigentlich bestimmt:

Es kann wohl eigentlich keinerlei Zweifel daran bestehen, wer die Gesundheitspolitik in der BRD bestimmt – Ihre Poetry vermag es jedoch, jeden Zweifel auszuräumen!

Sie haben in den letzten Monaten gesehen, was wir gemeinsam erreichen können. So endet Ihre Poetry in der „Zeit“. Perfekt – eine gute “Zeit” liegt vor Ihnen!

Wir haben in den letzten Monaten gesehen, was Sie erreicht haben.

“Sozialpolitik hat wesentliche Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß sich der einzelne in der Gesellschaft frei entfalten und sein Leben in eigener Verantwortung gestalten kann. Gesellschaftliche Zustände, die zu individuellen und sozialen Notständen führen, dürfen nicht als unvermeidlich und unabänderlich hingenommen werden. Das System sozialer Sicherung muß der Würde selbstverantwortlicher Menschen entsprechen.“ – Godesberger Programm 1959

Schon mit der Regierung Kohl verkam der Deutsche Bundestag auf Kneipenniveau, weil man nicht begreifen wollte, dass der notorische Gesetzesbrecher Helmut Kohl als Gesetzesmacher nicht mehr tragbar war. Hier begann der erste Abbau der “Sozialen Marktwirtschaft”. Hier begann auch der Weg, auf dem sich die etablierten Parteien den Staat zur Beute gemacht haben, womit der Staat zum Selbstbedienungsladen für Politiker geworden ist. In dieser bequemen Proporzdemokratie wurde der Klüngel zum System.

Den zweiten Teil hat übrigens Ihr Vater höchstpersönlich gesagt.

Die Kürzungspläne in den Sozialleistungen der jetzigen neoliberalen schwarz-gelben „Bundesregierung“ bauen auf diesem Kneipenniveau auf, verlassen nun aber jegliche Formen des Anstandes.

Gespart wird im wesentlichen nur bei den Schwächsten der Gesellschaft – jetzt schon bei den Behinderten!

Quelle

Ich fürchte, Frau Merkel, die Diskrepanz Ihrer Poetry zu Ihrer Lebensrealität lässt sich nur noch so erklären.

Ihr Weg:

Mit außerirdischen Grüßen
Andreas Kleffmann

Nachtrag 08.11.2010 – Anzeigenkosten

Sie werden es kaum glauben, aber für den oben angesprochenen Schwachsinn, den uns unsere “Bundeskanzlerin” in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften als Anzeige der Bundesregierung zugemutet hat, sind insgesamt Schaltkosten in Höhe von 2,76 Millionen Euro angefallen.

Poetry Slam der Kanzlerin - Anzeigekosten
Download anzeigenkosten.pdf - 56 kB