Neue Wirtschaftspolitik - weitere Meinungen

Bezugnehmend auf Teil I einer neuen Wirtschaftspolitik mit der absolut bemerkenswerten Rede von Herrn Dr. Heiner Flassbeck möchte ich hier die Grundaussage noch einmal vertiefen:

Der miserable Zustand der Wirtschaft in der BRD und der EU ist somit kein Problem für Theoretiker. Es ist unser aller Problem, wenn Politik und Wissenschaft alles den Märkten überlässt und den Wahnsinn der Werte vernichtenden Spekulanten mit mildem Lächeln und wissenschaftlicher Rechtfertigung begleitet.

Anzeigen unserer Bundesregierung, wie diese, sprechen somit für sich, und sind zunächst einmal Ausdruck der reinen Selbstgefälligkeit.

Aber – es gibt neben Dr. Heiner Flassbeck noch einige andere Stimmen – wenn auch in der Minderheit – die eindeutig anderes belegen, als in solchen, von uns bezahlten Anzeigen verkauft.

Michael Kumhof und Romain Rancière

Eine Studie von Michael Kumhof und Romain Rancière, Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds (IWF), kommt anhand von Modellrechnungen zum Ergebnis, dass die wachsende Ungleichheit der Einkommen in den USA die beiden schwersten Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre durch die Schaffung unhaltbarer Ungleichgewichte ausgelöst hat.

Die Krise - Einkommensverteilung

Bereits der erste Artikel dieser Internetseite hatte zur Ausage:

Die “Bankenkrise” ist somit eine bewusste Umverteilung von Vermögen, unter dem Denkmantel einer Weltwirschaftskrise.

Die Reichtumsballung in der BRD verläuft parallel zu den USA, und zu vielen anderen Ländern, und ist damit global übertragbar.

Die Ursache der derzeitigen schweren Bankenkrisen in der Eurozone ist also ebenfalls mit den unhaltbaren Ungleichgewichten der Einkommen begründet.

Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist eine Produktion im Gleichgewicht, wenn privater Konsum und Investitionen ausgewogen verteilt sind, also die Einkommen proportional zwischen der breiten Gesellschaft und den Reichen verteilt sind. Wenn allerdings der Reichtum überproportional an die Superreichen geht, ist das Gleichgewicht gestört.

Die Superreichen, die „Investorenklasse“ im Spielkasino, verbrauchen nur einen kleinen Teil ihres Einkommens. Stattdessen suchen sie Wege, diesen überproportionalen Reichtum zu investieren. Je mehr ihr Reichtum wächst, desto mehr Finanzprodukte fragen sie nach – die nun keine echte Investition oder Produktion mehr nach sich ziehen, sondern unausgesetzt Scheinwerte produzieren.

Die Wall Street in den USA und die weltweiten Finanzmärkte sind glücklich über diese Nachfrage, und erfinden mehr und mehr Möglichkeiten, diesen Bedarf an „Invest“ zu bedienen. So entstehen Finanzprodukte, wie z. B. in der Vergangenheit Cross-Border-Leasing, oder das Verpacken von Wohnungsbauhypotheken in Pakete von Anlageprodukten, die in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung eigentlich eine Beleidigung an jeden einigermaßen funktionierenden menschlichen Sachverstand darstellen, aber von genau den “Ackermännern” angeboten werden, die mindestens eine zweistellige Rendite erwarten, und von genau den “Möchtegern-Ackermännern” gekauft werden, die eben die gleiche Gewinnerwartung umtreibt.

Im Gegenzug werden der breiten Masse der Gesellschaft Darlehen angeboten.
Die mittleren und unteren Klassen müssen sich von den Reichen Geld leihen, um vorübergehend ihren Verbrauch aufrechterhalten zu können, beziehungsweise um mit dem Wirtschaftswachstum Schritt zu halten. Doch ohne eine entsprechende Erhöhung des Realeinkommens können sie ihre Schulden nicht zurückzahlen, die sich dadurch auftürmen, und in untragbare Höhen wachsen.

Schließlich platzt die Blase, der Finanzsektor gerät in die absehbare Krise und die Realwirtschaft schrumpft, die Verluste werden zwangsweise der Gemeinschaft auferlegt.

Ungleichheit, Hebelwirkung und Krise
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Kemal Derviş

Kemal Derviş wurde von den Vereinten Nationen zum Direktor des Entwicklungsprogrammes UNDP ernannt. Aufsehen erregte er mit einer Rede im März 2008 in Mumbai, in der er eine heraufziehende globale Finanzkrise prognostizierte und in der er den „Marktfundamentalisten“ bescheinigte, dass sie erneut einen „irrationalen Überschwang“ an den Tag legten, der bereits zur Asienkrise von 1997, der Internetblase von 2001 und der Subprime-Krise von 2007 geführt habe. Er prangerte an, dass die „Super-Bankiers, die neuen Barone des Finanzkapitalismus, gierig auf sofortige Profite“, ihre Verluste auf die Gemeinschaft abwälzen würden.

Im März 2009 wurde Kemal Derviş als Wirtschaftsexperte und Vizepräsident in die Brookings Institution berufen.

Kemal Dervis, Direktor am Brookings Institut, präsentiert eine ähnliche These. In einem Financial Times Gastkommentar sagte er, die Vergrößerung von Einkommensungleichheiten hemme die natürliche Nachfrage der Verbraucher.

In den USA erlaubten die politischen Entscheidungsträger extrem niedrige Zinsen, unverantwortliche Praktiken bei der Vergabe von Hypotheken und die Anhäufung von Kreditkartenschulden.

Dervis stellt fest: In den späten 1970er Jahren hatten die obersten 1 Prozent der reichsten Amerikaner 8 Prozent des Gesamteinkommens. Jetzt haben sie 24 Prozent aller Einkommen.

Gleichzeitig hat sich der Anteil der privaten Kredite am BIP in den USA zwischen 1980 und 2007 mehr als verdoppelt.

Auch hier verläuft die Entwicklung in der BRD proportional!

Bar jeder Vernunft adaptieren wir ein marodes Finanzmodell im Sinne des “Bigger Fools” und verkaufen dieses sogar noch als Erfolg!

Im Folgenden finden Sie zwei Reden von Kemal Derviş zur Krise – von 2008 und 2009.

Kemal Derviş, 2009
Download dervis_2009_sabot_final-1.pdf - 643 kB

Kemal Derviş, 2008
Download lb08.pdf - 743 kB

Wenn Sie nunmehr allen drei Ausführungen gefolgt sind, sollten Sie ein gesundes Urteilsvermögen zur aktuellen “Krisenintervention” in der BRD gewonnen haben.

Es ist unsere Bundesregierung, die Sie mit Anzeigen wie diese aktuell verkauft – es sind die “Ackermänner”, „Super-Bankiers, die neuen Barone des Finanzkapitalismus, gierig auf sofortige Profite“, die mit zweistelligen Erträgen auf ihre “Investments” diese Krise vorantreiben, und die Volkswirtschaften innerhalb der EU zerstören.

Und es wäre eigentlich die Aufgabe der Politik – also eben dieser Bundesregierung, diesem Treiben schon längst ein Ende zu setzten!

Da aber eben diese Bundesregierung weder im Sinne der Teilhabe der Menschen in der BRD, noch in der EU agiert, sondern stoisch sämtliche Verluste der “Super-Bankiers” sozialisiert, kann man hier wohl nicht mehr nur von Selbstgefälligkeit, sondern inzwischen wohl von Vorsatz sprechen!